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Buchverluste und Wiederbeschaffung
Nach dem Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek gelten mehr als 50.000 Bücher als verloren. Mit einer eigenen Website, die eine Teilsicht auf den elektronischen Katalog darstellt, stellen wir diejenigen Titel vor, die die Herzogin Anna Amalia Bibliothek gern ersetzen möchte. Falls es Bibliotheken mit Dublettenbeständen oder Einzelpersonen möglich ist, uns die eine oder andere dieser Ausgaben als Geschenk zu überlassen, würden wir uns sehr darüber freuen.

Website Brandverluste/Verlust-Datenbank

http://haab.weimar-klassik.de/brandverluste/ [öffnet neues Fenster]

Musikalien unter den Brandverlusten

http://haab.weimar-klassik.de/Musikalienkatalog/ [öffnet neues Fenster]

Weitere Angaben zu den Buchverlusten und zur Wiederbeschaffung:

Wiederbeschaffung

Seit dem Bibliotheksbrand vom 2. September 2004 bemüht sich die Herzogin Anna Amalia Bibliothek neben den Restaurierungsarbeiten auch um antiquarische Ersatzbeschaffungen. Dabei sollen vorrangig diejenigen Werke in einem möglichst entsprechenden Exemplar erworben werden, die vollständig verbrannt sind, oder für die eine Restaurierung mit angemessenem Aufwand nicht mehr möglich ist. Auch adäquate Ergänzungen des dezimierten Altbestands werden dabei realisiert. In diesem Rahmen sind im Jahr 2005 insgesamt 3000 Werke des 16. bis 20. Jahrhunderts in den Bestand integriert worden. Dabei handelt es sich um 2000 Bücher, die nach dem Brand als Geschenke anderer Bibliotheken und von privater Seite angenommen wurden sowie um 1000 gezielte antiquarische Erwerbungen. Insgesamt konnten über 1000 verbrannte Werke durch ein bibliographisch identisches Exemplar ersetzt werden. Unter den Erwerbungen und Geschenken sind siebzig Titel des 16. Jahrhunderts, fünfhundert Werke des 17. Jahrhunderts und mehr als neunhundert Bücher des 18. Jahrhunderts. Als Beispiele seien die reich illustrierte Naturgeschichte der Vögel des Pierre Belon du Mans (erschienen 1755 in Paris bei Gilles Corrozet), Georg Andreas Böcklers deutsche Ausgabe der Architectura curiosa nova (mit zahlreichen Kupfern 1664 in Nürnberg bei Fürst gedruckt) oder die Vita des Markgrafen Leopold von Österreich (Ein kurzer Inhalt und Extrakt deß Lebens und der Wunderzeichen Leopoldi, sechsten Marggrafen zu Österreich, erschienen 1593 in Graz bei Georg Widmanstetter), genannt – ein Werk, das bislang in keiner deutschen Bibliothek nachweisbar war. Von Klassikerausgaben wie der Historia naturalis des älteren Plinius (erschienen 1525 in Venedig bei Sessa und Serena) über Leichenpredigten wie etwa derjenigen auf Jacob Heinrich Born (erschienen 1775 in Leipzig bei Breitkopf) bis hin zu verbrannten Drucken aus dem Umkreis der Fruchtbringenden Gesellschaft wie den äußerst seltenen "Frauenzimmer Gesprechspielen" des Georg Philipp Harsdörffer, genannt der Spielende (in acht Bänden, erschienen in den Jahren 1644 bis 1649 bei Wolfgang Endter in Nürnberg) konnten Ersatzexemplare von Antiquariaten und auf Auktionen erworben werden; das Exemplar der Gesprechsspiele stammt aus der Fürstlich-Oettingen-Wallerstein'schen Bibliothek. Als Geschenk einer privaten Gönnerin ging das Ersatzexemplar für den in Weimar verbrannten Fortgepflantzten Musikalisch-Poetischen Lustwald von 1657 (aus dem persönlichen Besitz des Autors Georg Neumarck) ein. Die Bemühungen der Weimarer Bibliothek werden unter anderem von den Bibliotheken der Sammlung Deutscher Drucke unterstützt, indem diese die Vertretung auf Auktionen übernehmen oder wie die Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel Bücher aus dubletten Beständen als Geschenke übergaben. Weitere Hilfe kam von der Stadtbibliothek Mainz, die einen historischen Dublettenbestand auf Ersatzexemplare und Bestandsergänzungen für Weimar hin untersuchen ließ und mehrere hundert Bände zur Verfügung stellte. Methodisch interessant sind erste Versuche eines maschinellen Abgleichs zwischen der Verlust- und Schadensdatenbank einerseits und dem Internet-Dienstleistungsangebot des Zentralen Verzeichnisses Antiquarischer Bücher (ZVAB) andererseits. Trotz aller Bemühungen wird auch auf lange Sicht nur ein Teil der Verluste ersetzt werden können – sofern überhaupt von Ersatz die Rede sein kann: Zum Beispiel konnte der verlorene Druck von Johann Gottfried Walthers Musicalischem Lexicon (erschienen 1732 in Leipzig bei Wolffgang Deer) wiederbeschafft werden, aber das verbrannte Exemplar enthielt eine handschriftliche Widmung des Verfassers an Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar-Eisenach und ist insofern nur vom Text her gleichwertig.

Foto: Maik Schuck

Buchverluste

Beim Brand der Herzogin Anna Amalia Bibliothek wurden neben einem großen Teil der historischen Bausubstanz und Werken der Bildenden Kunst vor allem kulturgeschichtlich einmalige Buchbestände zerstört.
Fast vollständig verbrannt ist die Musikaliensammlung der Herzogin Anna Amalia (1739–1807) – sowohl Handschriften als auch seltene Drucke wie etwa ein Stimmbuch des Orlando di Lasso aus dem Jahr 1588 (Signatur S 4 : 12), eine handschriftliche Partitur Arien und Chöre zu Lila (Goethe) in vier Aufzügen von Siegmund Frh. V. Seckendorff von 1777 und auch eine Handschrift der Grand Sonate für Klavier zu vier Händen As-Dur op. 92 von Johann Nepomuk Hummel. Insgesamt enthielt der Bestand 95 Werke Hummels. Nur fünf von ihnen und ein kleines Fragment sind erhalten geblieben. 52 Werke Hummels waren wenigstens auf Mikrofilm gesichert.
Des weiteren verloren ist eine Handschrift aus dem Jahr 1788 von Pasquale Anfossi (1727–1797) La Maga Circa Farsetta a Cinque Voci (in un Atto Solo Musica). Die deutsche Übersetzung im Text stammte teilweise von Goethes Hand.
Außerdem sind weitere kostbare Druckwerke des 16. und 17. Jahrhunderts, insbesondere ein Großteil der Bibliothek des ehemaligen Wittenberger Universitätsprofessors und Weimarer Bibliotheksdirektors Konrad Samuel Schurzfleisch (1641–1708) und seines Bruders Heinrich Leonhard Schurzfleisch (1664–1722) zerstört. Einzelne Stücke dieser Sammlung sind allerdings erhalten, so zum Beispiel eine Trauerschrift auf den Tod der 1711 verstorbenen Professorenwitwe Christine Walther (Signatur S 1 : 80).
Verloren sind auch die meisten Druckwerke der Fruchtbringenden Gesellschaft, der ersten Gesellschaft für deutsche Sprache, die 1617 in Weimar gegründet wurde. Darunter: die Fortpflantzung der hochlöblichen Fruchtbringenden Gesellschaft... , eine Gesellschaftsschrift der Vereinigung aus dem Jahre 1651 (Signatur D 6 : 18 [f] und D 6 : 18 [f] [1]). Der berühmte Der Neu-Sprossende Teutsche Palmbaum von 1668 ist dagegen entgegen anderslautender Meldungen nicht verbrannt (Signatur D, 6 : 19). Leider sind auch Teile des Nachlasses von Wilhelm Fröhner (1834–1925), eines bedeutenden Altertumsforschers und Sammlers, den Flammen zum Opfer gefallen, wozu u.a. mehrere Sammelbände aus verschiedenen Teildisziplinen der Altertumswissenschaften (z.B. Signatur 8°XXXIX : 62 [z] [116]) gehören.
Der mehrere tausend Bücher umfassende Nachlaß des völkisch-nationalen Autors Adolf Bartels (1862–1945) ist ebenfalls vernichtet. Dagegen konnten die Bibelsammlung, die gleichfalls im Rokokosaal aufbewahrt war und viele weitere kostbare Bände aus den unteren Geschossen gerettet werden. Dem Umstand, daß sie als Ausstellungsstücke verliehen waren, oder ihrer grundsätzlich separaten Aufbewahrung verdanken einige Kostbarkeiten der genannten Bestandsgruppen, wie etwa die Mozarthandschrift »Concerto in B« (Signatur Mus V : 125), ihre unversehrte Erhaltung.

Weimar, im Oktober 2007