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Erste Maßnahmen
Nach der Brandkatastrophe vom 2. September 2004 waren 118.000 geschädigte Bände zu versorgen. 62.000 davon waren wegen Nässe tiefgefroren worden und wurden im Zentrum für Bucherhaltung, Leipzig gefriergetrocknet. Hiervon hatten 34.000 Bände Wasser- und Hitzeschäden erlitten. Alle wurden einer genauen Einzelanalyse unterzogen und in einem Ausweichmagazin zwischengelagert. Nach der Katastrophe wurden außerdem 21 Tonnen an beschädigten Materialien - rund 28.000 Bände beziehungsweise Fragmente - aus dem Brandschutt geborgen. Bei diesen Büchern fehlen die Einbände, zum Teil sind die Seitenränder oder Teile des Textspiegels verbrannt. Die Gefriertrocknung der ebenfalls durchfeuchteten Papiere nimmt mehr Zeit in Anspruch als die der hitze- und wassergeschädigten Bücher und dauert daher bis Ende 2007.
46.000 Bände mit Ruß- und Rauchschäden, DDT- und Lindan-Kontaminierung waren im Coudray-Anbau aufgestellt. Sie wurden 2005 gereinigt und dekontaminiert. Anschließend konnten sie wieder in den Gesamtbestand integriert werden. Damit stehen seit 1. Oktober 2007 rund 60.000 der 118.000 geschädigten Bände wieder der Benutzung zur Verfügung. Weitere 10.000 Bände mit Ruß- und Schimmelschäden aus dem Goethe-Anbau sind wegen ungeklärter Versicherungsfragen noch unbearbeitet.

vor Restaurierung nach Restaurierung
Fotos: HAAB

Aufgaben und Ziele
Nachdem von den 34.000 Bänden mit Wasser- und Hitzeschäden rund 14.000, die nur minimale Schäden aufwiesen, wieder im normalen Magazin stehen, werden die restlichen 20.000 je nach Material und Zustand teils restauriert, teils konserviert. Während die Restaurierung auch aufwändigere Eingriffe umfasst, werden bei der Konservierung lediglich lose Teile gesichert, bei Bedarf auch eine Schutzverpackung (Buchschachtel, Mappe) angebracht. Der Restaurierungsbedarf betrifft dabei überwiegend die Einbände, seltener die Heftung. Eine Papierbehandlung ist in der Regel nicht notwendig.
Ziel der getroffenen Maßnahmen ist es, die langfristige Benutzbarkeit der Bücher zu gewährleisten. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Erhaltung der Originalsubstanz. Nur Teile, die das Buch langfristig schädigen könnten, wie zum Beispiel stark säurehaltige Papiere, werden ausgewechselt. Alle Materialien, die ihre Funktion noch erfüllen können, bleiben im Buch oder kommen wieder an ihren ursprünglichen Platz zurück. Es werden keine Retuschen vorgenommen.

Schadensgruppen
Die Bände wurden zunächst nach Material und Technik des Einbandes in Gruppen aufgeteilt.
Bei den Papierbänden sind die Einbanddecken mit Schmuckpapieren überzogen, beispielsweise Kleisterpapier oder Marmorpapier. Etliche tragen in Gold aufgeprägte Monogramme ihrer früheren Besitzer. Edelpappbände wurden zusätzlich an den Ecken sowie am unteren und oberen Ende des Rückens mit Pergament verstärkte.
Interimsbände sind Bücher, die vom Verlag keinen Einband erhielten, sondern nur eine vorläufige Heftung und einen Umschlag aus Papier oder dünnem Karton. Normalerweise hätte der Käufer die Druckschrift bei einem Buchbinder mit einem geeigneten, oft individuellen, Einband versehen lassen. Zuweilen unterblieb dies jedoch, so dass die Bücher in einem Zustand erhalten blieben, der nur für eine Übergangszeit (Interim) gedacht war. Obgleich Heftung und Umschlag meist keinen optimalen Schutz bieten, kommt dem historischen Zustand heute ein eigenständiger Wert zu. Die Interimsbände sollen daher, soweit möglich, als solche erhalten bleiben. Ist dies aufgrund der Schäden nicht mehr praktikabel, werden Konservierungseinbände angefertigt.
Unter den geschädigten Büchern befinden sich auch so genannte Broschuren. Dies sind Stücke von geringem Umfang in einfachen, flexiblen Decken. Diese Einbandform schützt die Seiten nur wenig und ist meist nicht für eine dauerhafte Aufstellung im Regal einer Bibliothek geeignet. Die Broschuren bekommen daher in der Regel eine schützende Hülle bevor sie im Magazin aufgestellt werden.
Bei den Gewebeeinbänden wurden die Deckelpappen mit Stoff überzogen. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich hier um Verlagseinbände des 19. Jahrhunderts. Zuweilen erhielten die Decken eine dekorative Reliefprägung. Eine begrenzte Auswahl früher Stücke soll restauriert werden.
Lederbände sind ganz oder teilweise mit Leder bezogen. Häufig wurde eine Rückenbeschriftung und das Dekor in Gold aufgeprägt. Soweit der Zustand des Leders dies zulässt, werden diese Bände restauriert. Sehr schwer geschädigte Leder werden abgenommen und archiviert, die Bücher bekommen einen Konservierungseinband.
Pergamentbände sind Einbände mit festen Deckeln, die mit Pergament überzogen sind, aber auch flexible Einbände aus Pergament. Oftmals finden sich aufgeprägte Initialen, Wappen oder andere Merkmale, die Rückschlüsse auf den ursprünglichen Besitzer erlauben. Zahlreiche Pergamentumschläge wurden aus dem Material älterer Handschriften gefertigt. Wie bei den Lederbänden werden sehr schwer geschädigte Pergamenteinbände abgenommen und archiviert.

Analysen
Vor Beginn der eigentlichen Restaurierungen wurden wissenschaftliche Papieruntersuchungen durchgeführt. Hierdurch konnte sichergestellt werden, dass die mit Löschwasser und Rauchgasen in die Papiere gelangten Substanzen keine Gefahr für Leser und Bücher darstellen. Im Fortgang der Arbeiten werden immer wieder Untersuchungen und Tests durchgeführt, um die Wahl geeigneter Methoden und Materialien bei den einzelnen Materialgruppen zu erleichtern. Die Auftragsvergabe in den einzelnen Gruppen wird zudem durch Musterrestaurierungen in der hauseigenen Werkstatt vorbereitet.

Zeitraster

Papierbände,
Edelpappbände

5.800

2006–2008

Interimsbände

1.130

2007

Leder

7.100

2008–2012

Broschüren

2.400

2008

Gewebe

3.200

2009

Pergament

1.700

2009–2010

Auftragsvergaben
Aufgrund der großen Anzahl an restaurierungsbedürftigen Bänden kann nur ein kleiner Teil der Arbeiten in der Restaurierungswerkstatt der Herzogin Anna Amalia Bibliothek durchgeführt werden. Der Großteil wird portionsweise zur Bearbeitung durch externe Werkstätten ausgeschrieben. Seit 2006 werden Anfang Mai und Anfang November Ausschreibungspakete öffentlich ausgeschrieben. Die Pakete sind in der Regel wiederum in unterschiedlich große Lose unterteilt, so dass sie von Werkstätten unterschiedlicher Größe in überschaubarer Zeit zu bewältigen sind.

Restaurierungsgrundsätze
Wie beim Denkmalschutz für das historische Bibliotheksgebäude, hat auch bei den Sammlungen die Originalerhaltung Priorität. Beides gehört seit 1998 zum Weltkulturerbe. Dies bedeutet, dass die originale Substanz wo immer es möglich ist, erhalten und im Restaurierungsprozess wiederverwendet wird. Angesichts der reichen Überlieferungsgeschichte des Weimarer Buchbestandes, der sich aus unzähligen kleinen und größeren privaten und institutionellen Büchersammlungen zusammensetzt, ist es wichtig, die Provenienzmerkmale auf den Einbänden und in den Büchern, die Hinweise auf die Besitz- und Gebrauchsgeschichte der Bücher geben, zu erhalten. Risskanten und abgeriebene weiße Stellen werden nicht retuschiert. Was von einigen als ästhetischer Makel empfunden werden kann, ist eine authentische Spur der Geschichte des Buches. Für die Funktionstüchtigkeit des Bandes ist dies unerheblich.
Die Spuren des Brandschadens werden nach der Restaurierung noch sichtbar bleiben. Die Restaurierungs- und Konservierungsmaßnahmen müssen zudem reversibel sein, d.h. sie müssen wieder rückgängig gemacht werden können. Doch sollen die Bücher am Ende keine stummen Zeugen und Reliquien der Brandkatastrophe sein, sondern gebrauchsfähige Bücher, die zu Forschungszwecken in den Lesesaal entliehen oder auf Ausstellungen präsentiert werden können. Etliche tausend Bücher werden wieder im Rokokosaal ihre Aufstellung finden.

Brandrestaurierung
Fast ein Drittel der brandgeschädigten Bücher – bis zu 8.000 Bände mit leichten und mittleren Brandschäden – können im Original erhalten und so restauriert werden, dass die Bücher wieder benutzt werden können. Die HAAB richtet bis zum Frühjahr 2008 eine Werkstatt für die Restaurierung der brandgeschädigten Papiere ein, in der bis 2015 diese Materialien restauriert werden können.

Stand: Oktober 2007